Lesung 4

Pilatus – Schweigen als Antwort

Andacht vorlesen lassen
Tintoretto, Jesus Before Pilate, 1567
Tintoretto, Jesus Before Pilate, 1567, Oil on Canvas
Ein Wort aus Matthäus (27,1–2 & 11–14)

1Früh am nächsten Morgen versammelten sich die obersten Priester und die Ältesten des jüdischen Volkes noch einmal. Sie berieten, wie sie die römische Regierung dazu bringen konnten, Jesus zum Tode zu verurteilen. 2Sie fesselten ihn und brachten ihn zu Pilatus, dem römischen Statthalter.

11Nun stand Jesus vor Pilatus, dem römischen Statthalter. »Bist du der König der Juden?«, fragte dieser ihn. Jesus antwortete: »Ja, es ist, wie du sagst.« 12Doch als die obersten Priester und die Ältesten ihre Anklagen vorbrachten, schwieg Jesus. 13»Hörst du nicht die Anschuldigungen gegen dich?«, fragte Pilatus. 14Doch sehr zum Erstaunen des Statthalters sagte Jesus nichts.

Pilatus, Statthalter von Palästina, spricht

Die Juden sind schwierige Untertanen – stur und arrogant, das ist bekannt. Aber während des Passahfestes werden sie gefährlich.

Meine Vorgänger haben ihnen nachgegeben – das war ein Fehler. Ich habe Rebellen kreuzigen lassen, genug davon. Wer danach noch klagte, merkte schnell, wer hier das Sagen hat. Der Widerstand erlosch.

Trotzdem: Rom darf nicht glauben, ich hätte die Lage nicht im Griff. Ich halte sie in Schach – und bemühe mich gleichzeitig, nicht jeden gegen mich aufzubringen.

Ich erinnere mich gut an jene Nacht. Einer meiner Männer weckte mich und brachte mir den Gefangenen Jesus – frisch aus dem nächtlichen Verhör. Dieser Mann musste ihre Macht bedroht haben. Warum sonst hätten sie ihr eigenes heiliges Gesetz gebrochen – und nicht einmal vierundzwanzig Stunden gewartet, um das Urteil zu fällen?

Während ich mich anzog, dachte ich über den Fall nach. Wahrscheinlich wieder ein religiöser Streit unter ihnen. Aber warum wollten sie, dass ich das Todesurteil vollstrecke? Meine Zuständigkeit endet dort, wo kein römisches Recht verletzt wurde. Einen reinen Religionsstreit hätte ich ohne Weiteres abgewiesen.

✦ ✦ ✦

Die Türen des Gerichtssaals flogen auf. Ich nahm meinen Platz ein. Und was war die erste Szene? Ihre religiösen Eiferer weigerten sich, den Saal überhaupt zu betreten – durch unseren Eingang würden sie sich rituell verunreinigen, vor ihrem Gott.

Lächerlich. Sie trieben diesen Prozess mit aller Gewalt auf ein Todesurteil zu – und wollten gleichzeitig das morgige Passahmahl mit reinem Gewissen feiern. Diese Heuchelei brachte mich auf.

Die anderen jüdischen Führer nahmen ihre Plätze ein, in einem Abstand, den sie wohl als hygienisch erachteten, quer durch den Saal.

Ich sah den Angeklagten an. Sein Gesicht war ruhig – während ringsum alles schrie und klagte. Ein harmloser Wanderprediger vom Land. Nichts an den Anklagen passte zu diesem Mann.

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Dann schrie einer: »Er behauptet, der König der Juden zu sein.« Das ließ mich aufhorchen. Diese Anklage konnte ich nicht einfach abtun. Ich wollte ihn selbst hören. Ich trat vor: »Bist du der König der Juden?« Er sah mich an – ruhig, ohne auszuweichen – und sagte: »Du sagst es. Ich bin es.«

Sein Blick war klar – und er drang irgendwie durch mich hindurch. Kein Fanatismus. Keine Rebellion. Kein Hass. Nicht einmal Zorn.

Meine Leute hatten nichts von einem Komplott gegen Tiberius gemeldet. Was also meinte er?

Die Anführer steigerten sich in ihre Anklagen. Jesus schwieg. Ich beugte mich vor: »Hörst du nicht, was sie gegen dich vorbringen? Warum verteidigst du dich nicht?« Kein Wort. Dabei hätte ein einziges gereicht – ich hätte ihn freigelassen.

Ich suchte seinen Blick. Und da ahnte ich: Hier geschah etwas, das mein Verstehen überstieg. Dieser Mann hatte sich entschieden zu sterben. Selbst diese Farce von Gericht – sie war für ihn kein Zufall.

Ein Gebet für das Herz
Danke, Jesus, für die Kraft deines Schweigens – schon von Jesaja prophezeit: »Er tat seinen Mund nicht auf; wie ein Lamm, das zur Schlachtbank geführt wird, und wie ein Schaf vor seinen Scherern verstummt« (Jesaja 53,7).

Ich verbringe so viel Zeit damit, meine Unschuld zu verteidigen, an meinen Rechten festzuhalten und mich vor Unrecht zu schützen. Jesus, vergib mir. Ich bewundere dein tiefes Vertrauen – dass alles in Ordnung war, als alle Zeichen das Gegenteil sagten.

Mein König, lehre mich, inmitten des Chaos zu beten und zu hören – so wie du es getan hast. Und wenn ich versucht bin, mich zu verteidigen: Hilf mir, so zu sehen und zu reden wie du. Hilf meinem Unglauben.
Reflektieren
Wie spricht Jesu Schweigen – sein Verzicht auf jede Verteidigung – zu meiner eigenen Erfahrung, missverstanden oder falsch beurteilt zu werden?
Quellenangaben

Bild: Tintoretto, Jesus Before Pilate, 1567, Oil on Canvas.

Bibeltext: Neues Leben Bibel (NLB) © 2025 SCM R.Brockhaus in der SCM Verlagsgruppe GmbH, Max-Eyth-Str. 41, 71088 Holzgerlingen · www.scm-brockhaus.de

Geschichte: Mit Erlaubnis des Autors. Three Nails One Purpose – 40 Readings for Following Christ to His Cross and Resurrection, by John S. Lewis. First Edition Trade Book, 2017. Copyright © 2017 Cory Hartman and William Haley. Ins Deutsche übersetzt durch DeepL, Lektorat Claude und Johannes Dappen.

Audio: Die in diesem Audio verwendeten Stimmen wurden synthetisch mit ElevenLabs erzeugt.